SPD macht Wahlwerbung für „Die Heimat“ und strebt eine Koalition mit dieser Partei an?
Seit dem Erstarken der AfD geht ein Rechtsruck durch Deutschland. Die angeblich-demokratischen Parteien nutzen mehr und mehr Begrifflichkeiten, die bis vor gar nicht so langer Zeit als „rechts“ besetzt waren.
Auf den Plakaten in Sachsen-Anhalt prangt es nun in großen Lettern: „BLAU VERHINDERN, HEIMAT RETTEN, SPD WÄHLEN!“ Daneben Armin Willingmann, ernst, bärtig, der Blick aus seiner Perspektive nach rechts gerichtet. Oder auf den Koalitionsvertrag, wer weiß das schon so genau.
Blau verhindern – das klingt nach dem üblichen Anti-AfD-Mantra. Doch der eigentliche Clou steckt in der zweiten Zeile. „Heimat retten“. Nicht Sachsen-Anhalt retten, nicht Demokratie retten, nicht Sozialstaat oder Renten retten. Nein: Heimat retten. Und ausgerechnet dieses Wort, das bis vor Kurzem in den richtigen Kreisen noch als belastet, als rechts, als irgendwie unanständig galt, prangt jetzt auf SPD-roten Plakaten.
Welch ein Zufall, dass es in Deutschland bereits eine Partei gibt, die genau so heißt: Die Heimat. Die ehemalige NPD, 2023 umbenannt, um frischer und volksnäher zu klingen. Eine Partei, die „Heimat“ nicht als Gefühl, sondern als Programm führt. Und nun wirbt die SPD also dafür, diese Partei zu retten, als hätte sie die Koalitionsverhandlungen bereits vorbereitet?
Eine stabile Regierung verspricht das Plakat. Mit wem eigentlich? Die Umfragen sind, was sie sind. Die SPD dümpelt irgenwo zwischen 5 udn 7 Prozent. Da muss man wohl pragmatisch denken. Warum nicht den Blick nach rechts richten – genau dorthin, wohin Willingmann auf dem Plakat schaut? Die Heimat-Partei ist klein, aber sie hat den Namen. Und Namen sind in der Politik manchmal Programm. Eine Koalition SPD–Heimat hätte immerhin den Charme der Klarheit: Man rettet gemeinsam, was man gemeinsam plakatiert.
Dass die SPD gerade parallel mit dem Slogan „Wir sind der Deich“ durchs Land zieht, macht die Sache nur runder. Die Zeile stammt bekanntlich aus einem Pflichtlied des Reichsarbeitsdienstes von 1936: „Denn wir sind das Reich, und wir sind der Deich um Volk und Arbeit und Freiheit zugleich.“ Man habe das nicht gewusst, heißt es. Der Begriff sei längst Allgemeingut. Historische Fehlgriffe und sprachliche Übernahmen scheinen gerade in Mode zu sein – besonders, wenn man den Heimat-Begriff zurückerobern oder weiterreichen will.
Während die SPD also lautstark „Blau verhindern“ ruft, sagt sie nicht weniger laut: „Heimat retten“. Und die Partei „Die Heimat“ kann sich zurücklehnen und zusehen, wie die Sozialdemokraten ihre Kernbotschaft kostenlos verbreiten.
Vielleicht ist das die neue pragmatische Linie: Erst den Begriff übernehmen, dann die Partei, die ihn besetzt. Willingmann blickt nach rechts. Das Plakat hängt. Die Botschaft ist klar formuliert und doch erstaunlich offen für Interpretation. Blau verhindern, Heimat retten, SPD wählen – und für eine stabile Regierung vielleicht bald mit der Partei, die den Namen schon im Parteibuch führt?
