Deutsch English Français Español Türkçe Polski Русский Română Українська العربية
Wise

Hurra, der Strukturwandel ist gerettet: Sachsen-Anhalt wird Werkbank und Drehscheibe der Kriegstüchtigkeit


Sachsen-Anhalt hat wirtschaftliche Probleme. Doch Rettung naht. Dort wo die traditionelle Industrie schwächelt, wächst die Rüstungswirtschaft. Und weil Waffen, Material und Truppen im Ernstfall auch bewegt, versorgt und untergebracht werden müssen, wird Deutschland gleichzeitig zur militärischen Drehscheibe. Sachsen-Anhalt ist dabei nicht Zuschauer.



Man muss es der Politik lassen. Sie findet für fast jedes Problem eine Lösung, selbst wenn diese manchmal abstrus sind. Da die Wirtschaft schwächelt, braucht es neue Wachstumsbranchen. Wenn Industriearbeitsplätze verloren gehen, müssen woanders neue geschaffen werden. Wenn Chemie, Automobilzulieferer und Mittelstand nicht mehr so richtig ziehen, gibt es zum Glück eine Branche mit ziemlich sicheren Auftragsbüchern.

Die Rüstungsindustrie

Sachsen-Anhalt kann sich glücklich schätzen. In Silberhütte im Harz investiert Rheinmetall 30 bis 40 Millionen Euro. Die Kapazitäten des dortigen Pyrotechnikstandortes sollen mindestens verdoppelt, möglicherweise sogar verdreifacht werden. Nach Unternehmensangaben sollen mindestens 100, nach anderen Angaben bis zu 150 neue Arbeitsplätze entstehen.

Auch Dietersdorf ist inzwischen Teil des wachsenden Rheinmetall-Netzwerkes. Dort hat der Konzern die Muni Berka GmbH übernommen, die auf Lagerung und Delaborierung von Munition spezialisiert ist. Rheinmetall begründet den Zukauf ausdrücklich mit dem starken Wachstum der eigenen Munitionsproduktion und dem daraus entstehenden Bedarf an zusätzlichen Lagerkapazitäten.

In Schönebeck wurden gerade rund 15 Millionen Euro in eine neue Produktionshalle von Nammo investiert. Dort wird Sportmunition hergestellt. Die Muttergesellschaft Nammo ist allerdings nicht gerade ein Hersteller von Federballschlägern, sondern ein internationaler Konzern der Luftfahrt- und Verteidigungsindustrie.



Neue Arbeitsplätze als gute Nachricht?

Natürlich sind neue Arbeitsplätze eine gute Nachricht. Wer arbeitslos ist, fragt verständlicherweise nicht zuerst nach der weltpolitischen Philosophie seines künftigen Arbeitgebers. Aber wir alle sollten uns trotzdem fragen, welche Wirtschaftsstruktur hier eigentlich entsteht.

Denn Rüstungsproduktion hat eine kleine Besonderheit. Sie wächst besonders gut, wenn Staaten mehr Geld für Waffen ausgeben, militärische Spannungen zunehmen und Regierungen zu dem Ergebnis kommen, dass noch viel mehr Munition benötigt wird. Andere Wirtschaftszweige hoffen auf Frieden und stabile internationale Beziehungen. Bei der Rüstungsindustrie ist die Geschäftsgrundlage ein andere. Die Angelegenheit wird als Strukturwandel verkauft. Das klingt natürlich freundlicher.

Der Krieg braucht mehr als Waffen

Nun reicht es allerdings nicht, Munition herzustellen und einzulagern. Eine moderne Landes- und Bündnisverteidigung braucht Straßen, Schienen, Brücken, Unterkünfte, Verpflegung, Treibstoff, Werkstätten, Logistikunternehmen, Behörden und funktionierende Kommunikationswege.

Die Bundeswehr bezeichnet Deutschland deshalb inzwischen ganz offiziell als „Drehscheibe“ für die NATO. Beim sogenannten Host Nation Support geht es unter anderem um Verkehrsplanung für durchziehende Truppen, Unterbringung, Verpflegung, Betankung und technische Unterstützung. Der sogenannte Operationsplan Deutschland verbindet militärische Verteidigungsplanung ausdrücklich mit zivilen Unterstützungsleistungen. Die Bundeswehr spricht von einer gesamtgesellschaftlichen Aufgabe und erklärt offen, dass Länder, Behörden und Wirtschaft dabei benötigt werden.

Das Militär braucht also zunehmend die Zivilgesellschaft. Natürlich heißt das nicht, dass der Bäcker in Magdeburg morgen Panzer fahren muss. Wahrscheinlich darf er weiterhin Brötchen backen. Im Ernstfall könnte allerdings interessant werden, wer diese Brötchen bekommt, die Mutter mit ihren drei Kindern oder die vorbeifahrende Militärkolonne.

Auch Sachsen-Anhalt ist organisatorisch längst eingebunden. Das Landeskommando Sachsen-Anhalt ist nach Angaben des Innenministeriums zentraler Ansprechpartner der Bundeswehr für die Landesregierung bei Fragen der zivil-militärischen Zusammenarbeit und arbeitet mit den zivilen Dienststellen und Behörden des Landes zusammen. Es ist nur erstaunlich, wie wenig darüber berichtet wird.

Resilienz – ein wirklich schönes Wort

Besonders angenehm klingt in diesem Zusammenhang das Wort „Resilienz“. Wer könnte gegen Resilienz sein? Resiliente Menschen sind stark. Resiliente Unternehmen überstehen Krisen. Resiliente Infrastruktur funktioniert auch dann noch, wenn etwas schiefgeht. Also, alles wunderbar. Nur umfasst die neue staatliche Resilienz eben zunehmend auch die Fähigkeit, im militärischen Krisen- oder Bündnisfall Streitkräfte zu versorgen, Truppenbewegungen zu ermöglichen und zivile Infrastruktur in die Gesamtverteidigung einzubeziehen.

Wie weit sich militärische und zivile Strukturen inzwischen untereinander koordinieren, zeigte sich im Juli 2026 in der Altmark. In Schnöggersburg, der Übungsstadt der Bundeswehr auf dem Truppenübungsplatz Altmark, fand mit rund 650 Einsatzkräften die bislang größte Katastrophenschutzübung Sachsen-Anhalts statt. Feuerwehr, Sanitätsdienste, Polizei, Katastrophenschutz und weitere Organisationen trainierten dort gemeinsam. Das Szenario war ausdrücklich eine zivile Katastrophenlage, unter anderem mit einem schweren Luftfahrtunfall, Bränden und einem Gefahrstoffaustritt.

Wir alle wollen, dass Katastrophenschutz, Feuerwehr oder Rettungsdienst dann zur Stelle sind, wenn sie gebraucht werden. Niemand wird ernsthaft verlangen, dass sie das erst beim nächsten Großbrand ausprobieren. Wir sehen aber, dass sich zivile Krisenvorsorge, militärische Infrastruktur und militärische Gesamtverteidigungsplanung immer stärker überschneiden und integrieren. Wie viel militärische Funktionen soll unsere zivile Infrastruktur künftig eigentlich übernehmen?

Erst Werkbank, dann Drehscheibe?

Auf der einen Seite wird Sachsen-Anhalt als Standort für Rüstungsproduktion, Munitionslagerung und militärbezogene Investitionen attraktiver. Auf der anderen Seite beschreibt die Bundeswehr Deutschland als logistische Drehscheibe, deren Funktionsfähigkeit ausdrücklich von Ländern, Behörden, Wirtschaft und zivilen Partnern abhängt.

Und am Ende ist Sachsen-Anhalt gleichzeitig ein Produktionsstandort, ein Munitionslager, ein Transitland für Militärtransporte, ein Übungsraum für Militär und die Blaulichtfraktion und ziviler Unterstützer der militärischen Logistik. Schleichend setzt sich dieser Prozess immer weiter fest.

Genau davor warnt dieBasis Sachsen-Anhalt in zwei Beiträgen. Sie stellt die Frage, ob das Land wirtschaftlich immer stärker zur „Werkbank der Aufrüstung“ wird und gleichzeitig zur „stillen Etappe der Kriegstüchtigkeit“.

Denn wenn Sachsen-Anhalt wirtschaftlich und infrastrukturell immer enger mit militärischen Strukturen verbunden wird, ist das keine technische Kleinigkeit, die allein Unternehmen, Militärplaner und Ministerien etwas angeht. Es ist eine politische Richtungsentscheidung. Vielleicht wäre es gar nicht abwegig, diejenigen zu fragen, die dort wohnen, nämlich die Bürger; bevor irgendwann jemand feststellt: Der Strukturwandel ist gelungen. Die alte Industrie ist weg. Dafür sind wir jetzt kriegstüchtig.
Verfasser: Peter Scheller  |  20.08.2026  |  Text- und Bildinhalte können zum Teil mit oder durch KI generiert sein.
Jeden Tag neue Angebote bis zu 70 Prozent reduziert

Weitere Artikel
Das Ende der Gewaltenteilung und die Intransparenz beim Abwasserzweckverband Naumburg?

Das Ende der Gewaltenteilung und die Intransparenz beim Abwasserzweckverband Naumburg?

Der Abwasserzweckverband Naumburg (AZV) hielt am 30.06.2026 wieder eine Verbandsversammlung ab, aus der sich einige Erkenntnisse ergeben, di…
zum Artikel »
Mensch vs. KI: Wer führt die Zukunft?

Mensch vs. KI: Wer führt die Zukunft?

In einer Welt, die zunehmend von Technologie geprägt ist, gewinnt die künstliche Intelligenz (KI) immer mehr an Bedeutung. Sie veränder…
zum Artikel »
Tag der Abrechnung - Schein-Gerichtsverhandlung im Amtsgericht

Tag der Abrechnung - Schein-Gerichtsverhandlung im Amtsgericht

Am Montag, 31.03.2025, war der Tag der Abrechnung mit der Gerichtsverhandlung über mein schändliches Vergehen – der angeblichen Geschwin…
zum Artikel »
Recht extremer CDU-Ministerpräsident Sven Schulze stellt sich gegen die Bundesregierung bei Deindustrialisierung und Klimapanik

Recht extremer CDU-Ministerpräsident Sven Schulze stellt sich gegen die Bundesregierung bei Deindustrialisierung und Klimapanik

In einem Videostatement hat sich der Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt, Sven Schulze (CDU), gegen die Vorgaben der Bundesregierung geste…
zum Artikel »
Geleakt: Rede von Robert Habeck zur Besinnung auf die Erfolge der DDR, 7. Oktober 2024

Geleakt: Rede von Robert Habeck zur Besinnung auf die Erfolge der DDR, 7. Oktober 2024

Am Montag jährt sich der Tag der Gründung der DDR. Für viele Menschen ist dieser Tag noch fest im Gedächtnis. Es war geplant, dass Wirts…
zum Artikel »
Die 12 apokalyptischen Moleküle - Wenn man ohne Angst nicht mehr leben kann

Die 12 apokalyptischen Moleküle - Wenn man ohne Angst nicht mehr leben kann

Die Welt geht unter - immer noch. Jeden Tag ein Stückchen mehr. Und ein Ende des Weltuntergangs ist nicht abzusehen.…
zum Artikel »
Lotto
der offizielle Kanal der Bürgerstimme auf Telegram   der offizielle Kanal der Bürgerstimme auf YouTube   Bürgerstimme auf Facebook
Unterstützen Sie das Betreiben dieser WebSite mit freiwilligen Zuwendungen:
via PayPal: https://www.paypal.me/evovi/12

oder per Überweisung
IBAN: IE55SUMU99036510275719
BIC: SUMUIE22XXX
Konto-Inhaber: Michael Thurm