Hurra, der Brühl verfällt jetzt richtig - unter städtischer Flagge!
Die städtische Wohnungsbaugesellschaft hat den Brühl endgültig unter Kontrolle – und damit ist der weitere Verfall der Wiege von Zeitz unter städtischer Verwaltung endlich gesichert.
OB Thieme und die WBG haben den letzten privaten Störenfried rausgeworfen. Jetzt kann der historische Stadtkern in Ruhe weiter vor sich hin rotten. Keine lästigen privaten Eigentümer mehr. Stattdessen: WBG als Zwischenerwerber, die selbst nichts macht und fleißig nach Investoren sucht, die in einer Stadt mit massivem Leerstand und schrumpfender Bevölkerung wohl eher rar gesät sind. Ein Triumph der kommunalen Verantwortungs... ähm!
Endlich! Der Eigentümer ist raus – und die Sanierung auch
Was für ein Fortschritt! Christian Thieme, Oberbürgermeister von Zeitz, frohlockt auf Facebook: Nach Brühl 3 gehört nun auch Brühl 4 der städtischen Wohnungsbaugesellschaft WBG. Der „ursprüngliche Eigentümer ist nun vollständig ‚raus‘ im Brühl“. Durch „unterschiedlichste Maßnahmen“ wurden Forderungen generiert, die Zwangsversteigerung beantragt – und gewonnen. Der Eigentümer bot sogar noch mit, über eine UG und persönlich. „Vollkommen absurd“, findet Thieme. Ein „echter Krimi“, der zugunsten der WBG ausging. Wie viel musste die WBG auf den Tisch legen für diese Ruine? Darüber schweigt man sich aus.Und dann der Clou: „Vorsorglich ist allerdings darauf hinzuweisen, dass unsere WBG nur als Zwischenerwerber fungiert und nicht selbst die Sanierung vornehmen wird. KAUFINTERESSENTEN für den gesamten Komplex Brühl 2–7 WERDEN GESUCHT!“
Hurra! Die Stadt hat das Objekt. Sie wird nichts tun. Sie sucht jemanden, der etwas tut. In Zeitz. 2026. Genial.
Der Brühl – einst Seele der Stadt, heute Mahnmal des Scheiterns
Der Brühl ist die Wiege von Zeitz. Hier liegen die Wurzeln der über 1000-jährigen Stadtgeschichte. Schon im Mittelalter ein wichtiger Umschlagplatz, später Wohnsitz von Beamten, Gelehrten und wohlhabenden Bürgern. Veit Ludwig von Seckendorff wohnte hier. Barocke und Renaissance-Gebäude prägten das Bild. „Wer etwas auf sich hielt, wohnte am Brühl.“Doch die DDR-Zeit brachte systematischen Verfall und Abriss. Ganze Häuserzeilen verschwanden. Nach der Wende ging es weiter: Brühl 5 wurde 2018 abgerissen, trotz Denkmalschutz und Protesten. Die Hälfte der historischen Bebauung ist weg. Was blieb, stand oft leer, war vernachlässigt, Regenwasser lief jahrelang ins Mauerwerk. Kommentatoren unter Thiemes Post erinnern sich an Schuster, Fahrradladen, Konsum – und fragen zurecht, ob das überhaupt noch zu retten sei.
Jetzt hat die Stadt die Kontrolle. Und kündigt an, selbst nicht zu sanieren. Perfekt.
Zeitz nach der Wende – Schrumpfung als Geschäftsmodell
Zeitz war DDR-Industriestadt mit rund 47.000 bis 50.000 Einwohnern. Nach 1990 brach die Wirtschaft zusammen: Zehntausende Jobs weg, Arbeitslosigkeit über 30 Prozent, massive Abwanderung. Heute leben hier noch etwa 28.000 Menschen. Die Stadt schrumpfte dramatisch, Gebäude wurden rückgebaut oder dem Verfall überlassen.Leerstand? Eine taz-Reportage aus der Zeit um 2021 sprach von 23 Prozent Gebäudeleerstand. Aktuelle präzise Gesamtzahlen für Gebäude sind schwer zu finden, doch der Wohnungsleerstand im Burgenlandkreis lag 2024 bei rund 11 Prozent, und Zeitz gilt seit Jahren als besonders betroffen. Viele Schrottimmobilien prägen das Bild. Die Innenstadt kämpft mit Ladenleerstand. Immobilienpreise sind niedrig und zuletzt teils rückläufig. Wer investiert hier freiwillig Millionen in aufwendige Denkmalsanierung, wenn die Nachfrage fehlt und die Bevölkerungsprognosen weiterhin schrumpfen?
Genau. Deshalb sucht die WBG jetzt „Kaufinteressenten“. Die Chance, dass sich ein sanierungswilliger Investor findet, der den gesamten Komplex Brühl 2–7 stemmt, ist angesichts der Gesamtsituation – hoher Leerstand, demografischer Druck, begrenzte Fördermittel und konkurrierende Prioritäten – eher gering. Bisherige große Investoren-Auswahlverfahren für den Brühl sind bereits geplatzt oder verzögert.
Der lange Atem der Stadt – und das kurze Gedächtnis für Verantwortung
Thieme und die WBG haben strategisch agiert: Forderungen aufbauen, versteigern, Eigentum sichern. Das klingt nach Tatkraft. Doch die Botschaft an die Bürger ist klar: Wir übernehmen – und reichen dann weiter. „Nein, nur dann, wenn sich Investoren finden“, antwortet der OB auf die Frage, ob bald etwas an den Häusern gemacht werde. „Interesse, etwas für die Stadtentwicklung zu tun?“Einige Kommentatoren freuen sich über den „langen Atem“. Andere sind realistischer: „Also tut sich wieder nichts.“ „BITTE NICHT WIEDER VERKAUFEN!!!!! Lieber Stück für Stück sanieren.“ „Ob das noch zu retten ist, wage ich zu bezweifeln.“ Traurig, aber ehrlich.
Während andere Städte historische Kerne retten, übergibt Zeitz den Brühl an die Hoffnung auf den großen Unbekannten. Unter städtischer Verantwortung kann der Verfall jetzt ungestört weitergehen.
Hurra also. Der Brühl ist gerettet. Vor der Sanierung.
