Der König der Selbstbeweihräucherung - Sven Schulze, CDU-Ministerpräsident, Sachsen-Anhalt
Ach, wie wunderbar! Da steht unser geliebter Ministerpräsident Sven Schulze (CDU) auf einer Podiumsbühne und erzählt ergriffen vom World Trade Center in New York: Sachsen-Anhalt steckt in der ganzen Welt.
Flachglas aus dem Sachsen-Anhalt im WTC! Kupfer aus Hettstedt in Jeff Bezos’ Raketen! Und ohne uns gäbe es gar keine iPhones mehr! Wenn Hettstedt morgen dichtmacht, bricht die globale Technologie zusammen. Svennie hat’s mit eigenen Händen aufgebaut, oder wie war das?
Bravo, Herr Schulze. Was für eine Leistung. Man möchte fast vor Rührung applaudieren – wenn es nicht so peinlich, so durchsichtig und so typisch für das verblassende CDU-Establishment wäre. Ein Mann, der seit Januar 2026 im Amt ist, tourt im Wahlkampf und präsentiert sich als der große Weltverbesserer, der mit seinem Kupfer die Raumfahrt und Apple am Laufen hält. Die Kommentare unter dem Post sprechen Bände: Von „selbst auf die Schulter klopfen“ über „Propaganda“ bis „Schaumschläger“ ist alles dabei.
Die Fakten – oder das, was davon übrig bleibt
Ja, es gibt in Hettstedt (MKM/KME Mansfeld) ein traditionsreiches Kupferwalzwerk, das hochwertige Halbzeuge produziert. Es liefert vermutlich Komponenten, die irgendwo in der Lieferkette von Elektronik, Antriebstechnik oder Industrie landen. Großartig. Aber von dort zu „ohne uns keine iPhones weltweit“ und „Bezos kann sonst gar nicht starten“ ist ein Sprung in die pure Selbstüberschätzung, die an Desinformation grenzt.Apple und Blue Origin haben globale Lieferketten. Kupfer ist ein Commodity – austauschbar, skalierbar, verfügbar aus Dutzenden Ländern (Chile, Peru, China, Australien etc.). Firmen suchen sich innerhalb von Wochen bis Monaten neue Zulieferer, wenn Preis, Qualität oder Verlässlichkeit nicht mehr stimmen. Das ist kein Geheimnis, sondern Alltag in der globalisierten Wirtschaft. Die Vorstellung, ein sächsisches Werk sei unverzichtbar für das iPhone, ist schlicht lächerlich – und verrät, wie sehr man die eigene Bedeutung aufblasen muss, wenn die realen Erfolge dünn gesät sind.
Beim Flachglas im WTC sieht es ähnlich aus: Keine klaren, unabhängigen Quellen belegen eine zentrale Rolle spezifisch sächsisch-anhaltinischer Lieferanten für die ikonischen Türme. Es bleibt typisches politisches Cherry-Picking.
Schulzes Anteil? Tendenziell Null. Die Probleme? Maximal
Was hat Sven Schulze persönlich dazu beigetragen, dass diese Betriebe existieren? Die Kupfertradition in Hettstedt reicht Jahrhunderte zurück – durch DDR-Zeiten, Privatisierung, Investitionen privater Unternehmen. Schulze ist seit Kurzem Ministerpräsident, vorher Wirtschaftsminister. Er erbt und posiert lediglich.Und dann der obligatorische Call-to-Action: „Bezahlbare Energie, weniger Bürokratie, schnellere Verfahren, mehr Verlässlichkeit.“ Wie originell. Genau die Dinge, die die CDU-geführten Regierungen (Bund und Länder) seit Jahren nicht hinbekommen. Deutschland hat mit die höchsten Industriestrompreise der Welt – weit über USA, China oder Frankreich. Kommentare unter dem Post zeigen Grafiken mit 15–20 ct/kWh in DE vs. 5–10 ct anderswo. Die Industrie blutet, Firmen schauen sich nach Alternativen um. Aber klar: Sven klopft sich auf die Schulter für das Kupfer, das trotz Politik noch läuft.
Der bittere Kern
Dieser Post ist kein stolzer Bericht über Sachsen-Anhalt. Es ist verzweifelte Wahlkampf-Propaganda eines Ministerpräsidenten, dessen Partei spürt, wie der Boden wackelt. „Sachsen-Anhalt kann Weltklasse“ – ja, dank der Menschen und Unternehmer, die trotz hoher Energiepreise, Bürokratie-Wahnsinn, grüner Ideologie und jahrzehntelanger Fehlpolitik noch produzieren. Nicht dank der Politik.Die CDU schmückt sich mit fremden Federn, während die reale Deindustrialisierung voranschreitet. Statt echte Bedingungen zu schaffen (Energie, Entbürokratisierung), gibt’s PR-Clips mit falschem Pathos. „Sachsen-Anhalt stärker machen – nur mit uns.“ Nein, Herr Schulze. Die Welt dreht sich weiter, auch ohne diese Selbstbeweihräucherung. Und wenn die Firmen morgen neue Zulieferer in Polen, USA oder Asien finden – weil Energie hier unbezahlbar bleibt –, dann war’s das mit dem „unverzichtbaren“ Kupfer aus Hettstedt.
