Kindersterben light: Regierung schließt Geburtsklinik per Blitz-Aktion - und lacht die Altmark aus
Wahlkampfzeit in Sachsen-Anhalt: Plötzlich sind „Familien“ wieder wichtig. In der Realität lässt die Landesregierung die Geburtsklinik in Gardelegen innerhalb von zwei Tagen kaltstellen. Millionen Fördermittel verpufft. Kommunikation? Fehlanzeige. Ein Land, das seit der Wende ausblutet, wird weiter demontiert.
Der Skandal von Gardelegen: Wenn eine Regierung ihre Region aufgibt
Am 20. Mai 2026 bot sich im Landtag von Sachsen-Anhalt ein Bild des puren Zynismus. Ulrich Siegmund (AfD) konfrontierte die Landesregierung mit der eiskalten Abwicklung der Geburtsklinik in Gardelegen: „Zwei Tage nach Bekanntgabe der Schließung ist die Schließung bereits erfolgt. Das ist unter Berücksichtigung der Tatsache, dass wir hierbei über eine landeseigene Gesellschaft sprechen, ein schon ziemlich einzigartiger Vorgang in Sachsen-Anhalt.“Die Antwort von Ministerin Petra Grimm-Benne (SPD) war ein Meisterwerk der Verharmlosung: Die Klinik sei gar nicht geschlossen worden, sondern das Altmark-Klinikum habe die Klinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe „zum 14. Mai 2026 vorübergehend aus der regionalen Versorgung abgemeldet, da zu diesem Zeitpunkt ein verlässlicher Betrieb der Klinik in der erforderlichen Qualität nicht mehr gewährleistet werden konnte.“ Man habe schließlich Personalmangel – die langjährige Chefärztin sei erkrankt, Hebammen nicht mehr ausreichend vorhanden.
Dass die Regierung kurz zuvor noch ganz andere Töne angeschlagen hatte, ließ Siegmund nicht unerwähnt: „Noch im Februar haben Sie gesagt, Sie möchten sich persönlich für den Erhalt des Standortes in Gänze einsetzen. Frau Hietel-Heuer […] hat sogar gesagt, sie werde kämpfen wie ein Löwe. Von ihr hat man weder regional noch im Landtag irgendetwas mitbekommen.“ Stattdessen: Funkstille. Keine Information an den Kreistag, keine Information an die Opposition, keine offene Kommunikation mit den Menschen vor Ort.
Die Ministerin schob die Verantwortung elegant weg: „Wir haben die Geburtshilfe nicht geschlossen.“ Und weiter: Die Geburtenzahlen seien dramatisch eingebrochen – von 383 im Jahr 2016 auf 273 im Jahr 2021 und nur noch 93 im Jahr 2025. „Von Januar bis April 2026 lediglich 29 Neuankömmlinge.“ Jede dritte werdende Mutter suche sich ohnehin andere Orte. Qualitätsvorgaben des Bundes verlangten schließlich mindestens 600 Geburten pro Jahr.
Genau diese Haltung ist das eigentliche Armutszeugnis.
Während die Regierung im Wahlkampf plötzlich junge Familien und den ländlichen Raum entdeckt, lässt sie die notwendige Infrastruktur verrotten. Sachsen-Anhalt leidet seit der Wende unter massivem Bevölkerungsschwund – Abwanderung, fehlende Perspektiven, kaputte Versorgung. Statt gegenzusteuern, erklärt die Ministerin den demografischen Kollaps zur Naturgewalt: „Möglicherweise nehmen Sie auch zur Kenntnis, dass wir eine demografische Entwicklung haben und dass uns einfach Kinder fehlen.“
Auf die berechtigte Nachfrage, woran das denn liege, kam aus den Reihen von SPD und Grünen lediglich Unruhe und Ablenkung. Die emotionale Reaktion der Regierungsfraktionen sprach Bände, als Siegmund die Widersprüche aufzeigte: Auf der einen Seite zu wenige Geburten, auf der anderen Seite nur noch „Vor- und Nachsorge“ in einem sogenannten Familienhotel-Modell. „Das ist ja im Prinzip keine Wiederbelebung dieses Standortes. Das ist ein großer Widerspruch.“
Statt Transparenz bei den Fördermitteln (fast 10 Millionen Euro erst 2023 für Umbau und Erweiterung) gab es Ausflüchte. Statt Kampf für den Erhalt gab es eine Zwei-Tage-Aktion. Und statt Respekt vor den betroffenen Familien gab es im Landtag Gelächter und Häme.
Dieser Vorfall ist kein bedauerlicher Einzelfall. Er ist das Symptom einer Politik, die den ländlichen Raum nur noch als Kulisse für Wahlkampf-Fotos braucht – und ihn ansonsten systematisch aufgibt.
