Sachsen-Anhalt feiert sich wieder selbst - und der Bürger darf raten, wofür eigentlich
Es gibt Momente, da fragt man sich, ob Verwaltungskommunikation heimlich als eigene Kunstform betrieben wird. Sachsen-Anhalt liefert dafür regelmäßig neue Beiträge – zuletzt wieder eindrucksvoll in einer Pressemitteilung, die es über einen Facebook-Post stolz in die digitale Öffentlichkeit geschafft hat.
Schon der Einstieg in „Erfolgreiches Modellprojekt stärkt Zusammenarbeit im Bildungsbereich in Sachsen-Anhalt - Abschlussbericht zum Modellprojekt Kooperation im kommunalen Bildungsmanagement“ ist ein kleines Meisterwerk moderner Selbstvergewisserung: ein Modellprojekt war „erfolgreich“, die „Zusammenarbeit wurde gestärkt“, die „Ergebnisse sind positiv“. Man spürt förmlich, wie sich die Verwaltung gegenseitig auf die Schulter klopft, während irgendwo im Hintergrund eine Excel-Tabelle zufrieden summt.
Alles wirkt rund, sauber, abgeschlossen – wie ein Projekt, das eigentlich gar keine offenen Fragen mehr zulässt. Wäre da nicht dieser eine kleine, unbedeutende Nebensatz: Es gibt einen Abschlussbericht.
Ein Abschlussbericht! Das klingt nach Substanz, nach Daten, nach Ergebnissen, nach etwas, das man lesen kann, wenn man nicht nur die Presseschönwetterlage genießen will.
Der Moment, in dem die Transparenz aufhört
Und genau hier beginnt das eigentliche Abenteuer. Denn wer neugierig wird – so richtig neugierig, also bürgerlich-altmodisch neugierig – und diesen Bericht tatsächlich lesen möchte, erlebt das digitale Sachsen-Anhalt von seiner poetischsten Seite: das große Nichts.Kein sauberer Download-Link. Kein Archiv. Kein zentraler Dokumentenhub. Keine „Hier ist alles transparent nachlesbar“-Logik.
Stattdessen: Links, die ins Leere führen. Pfade, die sich in Verwaltungsnebel auflösen. Dokumente, die offenbar nur so lange existieren, wie niemand sie konkret lesen will.
Kommunikation auf Hochglanz – Inhalte auf Tauchstation
Die Pressemitteilung selbst arbeitet dabei mit einer Sprache, die man nur als „administrative Euphorieprosa“ bezeichnen kann:- „erfolgreiches Modellprojekt“
- „gestärkte Zusammenarbeit“
- „positive Bilanz“
- „wichtige Erkenntnisse für die Zukunft“
Was genau hat sich verbessert? Welche Daten liegen vor? Welche Probleme wurden gelöst – und welche nicht? Welche Kosten entstanden? Welche Zielkonflikte?
Die Antworten bleiben – wie so oft – elegant im Hintergrund. Man könnte sagen: strategisch dezent platziert. Oder weniger freundlich: schlicht nicht sichtbar.
Der Abschlussbericht als digitales Schrödinger-Dokument
Das eigentlich Brillante daran: Der Abschlussbericht existiert gleichzeitig und existiert nicht.Er wird erwähnt, gefeiert, politisch eingeordnet – aber wenn man ihn lesen möchte, verhält er sich wie ein digitales Schrödinger-Dokument: formal vorhanden, praktisch unauffindbar.
Und so bleibt dem interessierten Bürger ein faszinierendes Erkenntnisdreieck:
- Es gab ein Projekt.
- Es war erfolgreich.
- Belege dazu sind irgendwo… wahrscheinlich.
Bürgerbeteiligung in der Praxis
Was macht also der Bürger mit dieser Informationslage?Er könnte natürlich:
- sich freuen über die guten Nachrichten
- den Facebook-Post liken
- und dankbar zur Kenntnis nehmen, dass irgendwo irgendetwas funktioniert hat
Alles gut. Bitte nicht weiterfragen.
Am Ende bleibt ein klassisches Verwaltungsnarrativ in Reinform: Es wurde viel gearbeitet. Es wurde viel erreicht. Es wurde viel kommuniziert.Und wer jetzt noch Fragen hat, hat das System offenbar falsch verstanden.
Denn moderne Transparenz funktioniert heute nicht so, dass man Dinge findet. Sondern so, dass man weiß, dass sie existieren. Und das muss dann offenbar reichen.
