7,16 Millionen für Bibliothek - Bücher-Regalplatz teurer als Kita-Platz in Weißenfels
7,16 Millionen Euro für „goldene Bücherregale“ in der toten 1A-Lage. Weißenfels beweist mal wieder: Wenn niemand sonst will, erschafft man eben eine Luxus-Bibliothek.
Halleluja, Weißenfels! Die Innenstadt ihre Bestimmung gefunden.
Nach Jahrzehnten des mutigen Nicht-Handelns, nach endlosen Leerständen, nach dem glorreichen Abgang der Müller-Drogerie (der größte und einzige echte Magnet der Fußgängerzone) und nach dem heldenhaften Scheitern jedes ernsthaften Versuchs, mal was mit Kaufkraft, Gastronomie oder – Gott bewahre – tatsächlich funktionierendem Einzelhandel hinzubekommen, kam die Erlösung: Die Stadtbibliothek soll ins ehemalige Müller-Kaufhaus umziehen. In die 1A-Lage. Mitten in die Jüdenstraße. Mit Panorama-Café, versteht sich. Kostenpunkt nach derzeitigem Stand: lächerliche 7,16 Millionen Euro. Ein Schnäppchen! Eine Vision! Ein Triumph der urbanen Intelligenz!Welche Stadt hat schon den Mut zur Bibliothek in echter 1A-Lage?
Die meisten verstecken ihre Bücher irgendwo am Rand, wo niemand sie stört. Weißenfels denkt größer. Hier wird das Wissen dorthin gebracht, wo früher die Massen Shampoo und Sonderangebote gehamstert haben. Die Fußgängerzone, die seit Jahren vor allem durch Wind und Verzweiflung belebt wird, bekommt endlich ein Herzstück, das garantiert keine Konkurrenz zu fürchten braucht – weil sich nämlich schlicht kein anderer Mieter gefunden hat. Und andere Ideen? Hätte man in den letzten Jahrzehnten irgendwelche gehabt, die über „Schaufensterausstellungen in Leerständen“ und „wir hoffen, dass irgendwer kommt“ hinausgehen, wäre die Situation ja nicht so. Die Bibliothek ist also nicht Plan B. Sie ist Planz Z, der einzige Plan, der übrig geblieben ist. Und das ist genial.275 Euro pro Medium – Luxus-Resort für Papier und Plastik in Premiumlage!
Rechnen wir das mal durch. Die Stadtbibliothek hockt derzeit auf rund 250 Quadratmetern im Novalishaus und verfügt – je nach Quelle und Jahr – über einen Bestand, der mal mit über 40.000 Medien angegeben wurde und in jüngeren Jahren eher bei knappen 26.000 lag (Bücher, CDs, DVDs, Hörbücher, Spiele, Tonies und was sonst noch so als „Medium“ durchgeht). Nehmen wir großzügig 26.000 Medieneinheiten als Rechenbasis. 7,16 Millionen Euro geteilt durch 26.000 ergibt – Trommelwirbel – etwa 275 Euro pro Medium.Jeder einzelne Krimi, jedes verstaubte Sachbuch, jede DVD, die seit Jahren niemand ausleiht, bekommt also einen Platz, der teurer ist als ein Kita-Platz im Monat. Die laufenden Kosten für das Gebäude und Personal sind da noch gar nicht eingerechnet. Das ist keine Bibliothek mehr. Das ist eine Fünf-Sterne-Suite für Papier und Plastik in Premiumlage. Der Platz pro Medium kostet unterm Strich so viel, dass man sich fragt, ob die Bücher künftig auf Samt liegen und von privaten Bodyguards bewacht werden. „Entschuldigung, darf ich diesen Roman ausleihen?“ – „Nur mit Kaution und DNA-Probe, Sir.“
