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Sachsen-Anhalt löst den Lehrermangel auf revolutionäre Weise: Wo kein Unterricht stattfindet, braucht man auch keine Noten mehr


Fast 28.000 fehlende Zeugnisnoten, nur 87 Prozent Unterrichtsversorgung an Sekundarschulen und das Bildungsministerium entdeckt trotzdem ein „klares Signal der Stabilität“.



Sachsen-Anhalt zeigt, wie moderne Mangelverwaltung funktioniert. Man muss Probleme nicht unbedingt lösen. Es genügt, es freundlich zu beschriften. Man muss Sachsen-Anhalts Bildungspolitik einfach Anerkennung zollen.

Während andere Bundesländer noch mühsam Lehrer suchen, Unterricht organisieren und anschließend auch noch schulische Leistungen bewerten, hat Sachsen-Anhalt einen deutlich effizienteren Weg gefunden. Man lässt einfach keinen Unterricht stattfinden. Dann braucht man auch keine Noten zu geben. Außerdem spart es den Unterricht, das mühsame Korrigieren von Arbeiten und den Ärger mit Eltern, die die schlechten Noten ihrer Kinder einfach nicht akzeptieren wollen.

So geht moderne Bildungspolitik

Auf den Halbjahreszeugnissen des Schuljahres 2025/26 fehlten in Sachsen-Anhalt insgesamt 27.842 Noten, weil in den betreffenden Fächern nicht häufig genug Unterricht stattgefunden hatte. 152 von 739 öffentlichen Schulen meldeten entsprechende Fälle. Besonders erfolgreich hat sich dieses neue pädagogische Konzept an den Sekundarschulen durchgesetzt. Dort erhielten rund 41 Prozent der 38.010 Schülerinnen und Schüler in mindestens einem Fach keine Zeugnisnote. Besonders beliebt waren dabei Musik mit 4.215 fehlenden Bewertungen sowie Hauswirtschaft, Technik und Wirtschaft mit 3.853.

Vielleicht sollte man das nicht länger Unterrichtsausfall nennen. „Selbstorganisierte bildungsfreie Lernzeit“ klingt doch gleich viel moderner. Denn Unterricht ist schließlich auch eine Belastung für Lehrer, Kinder und Eltern. Kinder und Jugendliche können sinnvolleren Beschäftigungen nachgehen, wie beispielsweise das Erlernen moderner Kommunikationstechniken mit dem Handy.

Am Ende kommt niemand auf die Idee zu überprüfen, ob man etwas gelernt hat. Es gibt auch keinen Leistungsdruck bei Schülern und Elternabende sind ungleich konfliktfreier. Sachsen-Anhalt geht also neue Wege. Kein Unterricht bedeutet keine Leistungskontrolle und keine Noten. Viele Probleme unseres Schulsystems hat man so elegant gelöst.

Das 87 Prozent-Konzept

Ganz besonders beruhigend ist die Bewertung des Bildungsministeriums. Das Ministerium veröffentlichte im Januar 2026 eine Pressemitteilung mit der schönen Überschrift: „Stabile Unterrichtsversorgung dank herausragenden Einsatzes der Lehrkräfte“. Das klingt hervorragend. Tatsächlich betrug die Unterrichtsversorgung an den öffentlichen allgemeinbildenden Schulen stolze 93,7 Prozent.

Im Koalitionsvertrag von CDU, SPD und FDP steht noch das Ziel einer Unterrichtsversorgung von 103 Prozent. Man wollte nämlich ursprünglich sogar eine kleine Reserve haben, damit Unterricht auch dann stattfinden kann, wenn Lehrer krank werden, Fortbildungen besuchen oder aus anderen Gründen fehlen.

Das war damals. Inzwischen ist man offenbar klug geworden. Bei den Sekundarschulen lag die Unterrichtsversorgung nämlich nicht bei 103 Prozent, auch nicht bei 100 oder 95 Prozent. Die Unterrichtsversorgung lag bei 87 Prozent. Das Bildungsministerium spricht von Stabilität und hat damit sogar recht.

Ein Auto mit drei Reifen ist ebenfalls stabil mit einem Reifen unterversorgt, solange niemand den vierten montiert. Das Ministerium formuliert für die landesweiten 93,7 Prozent sogar ein „klares Signal der Stabilität“. Es eröffnen sich völlig neue Möglichkeiten für die Landespolitik.

Man sollte das 87 Prozent-Konzept landesweit ausweiten. Man beschäftige nur 87 Prozent der benötigten Polizisten, lässt 87 Prozent der Züge fahren und erhält 87 Prozent der notwendigen Krankenhausbetten. Dann hat man eine stabile Sicherheitsunterversorgung, einen stabilen Bahnverkehr mit Lücken und eine stabile Gesundheitsunterversorgung.

Die Quertreiber

Das Handwerk zeigt sich merkwürdig wenig begeistert. Nach MDR-Berichten schlägt die Handwerkskammer Magdeburg Alarm. Schon heute sei die Ausbildungsreife häufig nicht ausreichend. Aber wieso sollte man denn fragen, ob ein junger Mensch rechnen, schreiben oder technische Zusammenhänge verstehen kann? Leider gibt es Menschen, die dieses innovative Bildungskonzept nicht ausreichend würdigen. In Zeugnissen wird eine profane Bewertung schulischer Leistungen durch eine pädagogisch wertvolle Leere ersetzt.

Vielleicht sollte man das Problem sprachlich lösen. „Keine Note wegen Unterrichtsausfalls“ klingt viel zu technokratisch. Besser würde sich lesen: „Individuell nicht quantifizierbare Kompetenzentwicklung“? Das klingt sofort nach Bildungsreform; vom 103-Prozent-Versprechen zur Mangelverwaltung. Aus einem Ausnahmezustand wird so einfach der Systemzustand.

Vollkommen altmodisch sieht es dieBasis Sachsen-Anhalt. Humorlos prangert sie die Mangelverwaltung an, ohne die unbestreitbaren Vorteile des neuen Bildungssystems zu erkennen. Sie kritisiert fehlende Noten und weisen auf den grundsätzlichen Widerspruch zwischen politischen Versprechen und schulischer Realität hin. Sie fordert, Bildungspolitik stärker mit Lehrern, Eltern, Schülern und Gemeinden zu gestalten, statt Probleme ausschließlich aus Ministerien heraus zu verwalten. Das klingt brandgefährlich. Am Ende könnten diejenigen, die jeden Morgen in der Schule sitzen, noch gefragt werden, was dort wirklich benötigt wird.

Man sollte das bestehende Konzept stattdessen konsequent weiterentwickeln. Wenn Unterrichtsausfall Noten verhindert, könnte vollständiger Unterrichtsausfall irgendwann sämtliche Bewertungsprobleme beseitigen. Es gäbe keine Klassenarbeiten, Korrekturen, Sitzenbleiber und vor allem keine schlechten Pisa-Ergebnisse. Das Problem Lehrermangel wäre ebenfalls beseitigt.

Und das Bildungsministerium könnte irgendwann verkünden: „100 Prozent stabile Unterrichtsfreiheit dank herausragenden Einsatzes aller Beteiligten.
Verfasser: Peter Scheller  |  20.08.2026  |  Text- und Bildinhalte können zum Teil mit oder durch KI generiert sein.
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