Der gescheiterte Versuch, Demonstranten für Frieden und Freiheit in Hermsdorf vorzuführen
Man muss Hannes Kreschel einfach dankbar sein. In Zeiten, in denen anspruchsvoller Investigativjournalismus immer seltener wird, opfert sich der unerschrockene „freie Journalist“, YouTube-Künstler und bekennende Jura-Student (wie er im Video stolz betont) für uns auf.
Sein jüngstes Meisterwerk trägt den bescheidenen Titel: „Ich GEGEN Die PEINLICHSTE AfD Montagsdemo Der WELT 🤣“ und wird mit einem Vorschaubild angeteasert, das sich im Video nicht wiederfindet. Schauplatz des intellektuellen Showdowns: Hermsdorf in Ostthüringen. Das Ziel: Die totale Demontage der fahnenschwenkenden und vor allem bockigen thüringischen Provinz-Demokraten.
Und wie er es versucht hat! Chapeau, Herr Kreschel. Der Wille war da.
Mit Kameramann im Schlepptau und der Aura eines Mannes, der die Weltformel im Rucksack trägt, stürzt sich Kreschel ins Getümmel. Doch schon nach wenigen Minuten entfaltet sich das wahre Drama dieses Beitrags: Es ist nicht die „Peinlichkeit“ der Demonstranten, die ins Auge springt, sondern das tragikomische Scheitern eines Framing-Versuchs im Zeitraffer.
Kreschels journalistische Taktik ist so brillant wie durchschaubar: Er sucht das Gespräch, um zu entlarven. Das Absurde dabei? In gefühlt achtzig Prozent der Fälle muss der Meister sichtlich zähneknirschend zustimmend nicken. Ob es um die verfehlte Krankenhauspolitik, das kaputte Rentensystem, die Auswüchse des Lobbyismus oder die unbestreitbare Wichtigkeit von Diplomatie geht – Kreschel murmelt wie ein Mantra: „Bin ich total bei Ihnen“, „Seh ich genauso“, „Da bin ich bei Ihnen“. Man möchte ihm fast ein Taschentuch reichen, so groß ist die Harmonie.
Doch Einigkeit bringt nun mal keine Klicks auf YouTube. Also schaltet der investigative Titan um auf den Verhörmodus. Wenn man in der Sache schon zustimmen muss, dann muss eben die Metaebene herhalten! Kreschel fordert Lösungen. Und zwar sofort, hier auf dem Asphalt von Hermsdorf. Wie man denn nun den Weltfrieden konkret umsetze? Wie man das Rentenproblem löse? Dass er selbst außer Phrasen über „künstlerische Freiheit“ keinerlei Konzepte im Gepäck hat, geschenkt. Er ist schließlich der Fragensteller, nicht der Denker.
Besonders amüsant wird es, wenn Kreschel versucht, die Bürger rhetorisch aufs Glatteis zu führen. Da mutiert eine Diskussion über Spritpreise und die Menschenwürde dank juristischer Spitzfindigkeiten mal eben zum Exkurs über den Holocaust – Hauptsache, der Gegenüber guckt dumm. Doch die Hermsdorfer spielen das Spiel nicht mit. Sie erweisen sich als bemerkenswert resistent gegen den SPD-Aktivisten. Einige wollen schlicht nicht mit ihm reden, andere durchschauen das „Zurechtschneiden“ der Berichterstattung sofort und servieren ihn eiskalt ab.
Man kann förmlich spüren, wie Kreschels Frustration von Minute zu Minute wächst. Wenn die bösen „Schwurbler“ einfach nicht die rassistischen oder völlig absurden Antworten geben wollen, die man für das perfekte Framing-Video so dringend bräuchte, wird es eben zäh. Dann muss das Tragen von Ohrringen als Aufhänger herhalten, oder man flüchtet sich in die Behauptung, Windkraft in Deutschland sei per se „patriotisch“. Da rettet dann auch das Lach-Emoji im Titel nichts mehr über die Ziellosigkeit des Beitrags hinweg.
Am Ende bleibt ein Video, das vor allem eines zeigt: Einen überambitionierten Jung-SPDler, der ausgezogen ist, um die „peinlichste Demo der Welt“ vorzuführen, und dabei vor allem an der eigenen Eitelkeit und der sturen Gelassenheit der Ostthüringer gescheitert ist.
Aber hey, Hannes: Du hast es versucht. Und das ist doch auch schon mal was!
Hannes Kreschel - Merkt euch diesen Namen!
Man sollte diesen Hannes Kreschel jedenfalls gut im Auge behalten. Merkt euch diesen Namen! Aus dem Mann wird ganz bestimmt noch etwas ganz, ganz Großes.Wer mit einer solchen Chuzpe, so viel akademischem Selbstbewusstsein aus dem Jura-Hörsaal und einer derart unerschütterlichen Beratungsresistenz gesegnet ist, dem steht eine steile Karriere bevor. Wenn es mit dem seriösen Journalismus oder der großen Content-Creator-Karriere auf YouTube nicht klappt (was angesichts dieses hermsdorfer Offenbarungseids niemanden überraschen dürfte), bleibt ja immer noch die Politik.
Als SPD-Ortsvereins-Vize im heimischen Halle hat er das Handwerk des gepflegten Aneinander-Vorbeiredens schließlich von der Pike auf gelernt. Seine Fähigkeit, den Bürgern auf der Straße recht zu geben, um sie im anschließenden Videoschnitt via Emoji-Gewitter trotzdem als die „Peinlichsten der Welt“ abzukanzeln, prädestiniert ihn geradezu für höhere Aufgaben im politischen Betrieb.
Vielleicht sehen wir ihn ja bald in den Fluren des Landtags oder sogar auf der Regierungsbank. Die Gabe, bohrende Fragen mit noch mehr Gegenfragen zu beantworten und dabei absolut inhaltsleer, aber maximal überzeugt aufzutreten, ist in Berlin und Magdeburg schließlich eine Kernkompetenz.
Hannes Kreschel: Ein Gigant von morgen, der uns schon heute zeigt, wie man mit ganz viel Haltung und ganz wenig Ertrag ein Millionenpublikum von schätzungsweise ein paar tausend Klicks begeistert. Wir bleiben dran!
